Wenn der langsamere plötzlich eher am Ziel ist

Lernen in Kenya - vielleicht weniger auf einmal dafür aber mit sehr viel Weitsicht. (zum vergrössern klicken)
Lernen in Kenya - vielleicht weniger auf einmal dafür aber mit sehr viel Weitsicht. (zum vergrössern klicken)

Eine Eigenschaft welche die afrikanische- von der europäischen Kultur unterscheidet ist die, dass in Afrika generell Dinge etwas weniger streng betrachtet werden als wir dies in Europa tun. Dies beginnt bei der Interpretation der Verkehrsregeln, hinweg über die Interpretation von Pünktlichkeit bis zum klassischen Verhandeln auf dem Markt wenn es um den Preis und den Lieferumfang geht. In Afrika gehört das Verhandeln, das Feilschen und letztendlich die freudige Einigung zum Handel zum klassischen Umgang, während wir Europäer möglichst klar und strikt zu einem deutlichen Ergebnis kommen möchten, bei welchem Nachverhandeln meist gar nicht erst in Betracht gezogen wird (in der Kultur der Schweizer sehr stark ausgeprägt). Dieses Verhalten ist insofern in der Kultur Afrikas verankert, als das sich die Afrikaner gegenüber der westlichen Kultur generell mehr Zeit geben, um Dinge zu tun. Eine beliebter Wortlaut, welcher die Menschen hier in Kenya dazu oft und gerne nutzen, lautet „pole pole“. Frei aus Swahili übersetzt bedeutet dies so viel wie „langsam“ oder „Schritt für Schritt“. Die Bedeutung von „pole pole“ geht aber noch viel weiter: Es steht auch dafür, den einfachen, unbedeutenden Dingen Aufmerksamkeit zu schenken. Den unbedeutenden Dingen wie den zwischenmenschlichen Faktoren beim Verhandeln oder der Zufriedenheit mit dem, was vorhanden ist. Verglichen mit anderen Ressourcen (materiell sowie immateriell) ist die Zeit die einzige Ressource welche sich nicht ergänzen, vermehren oder verändern lässt. Zeit ist demnach eine extrem wertvolle Ressource (diejenigen welche steht’s zu wenig Zeit für bestimmte Dinge haben wissen wovon ich spreche). Sich Zeit zu nehmen bedeutet also, eine wertvolle Ressource aufzuwenden welche jedem von uns gleichermassen begrenzt zur Verfügung steht. Dies zeigt sich in ganz simplen Dingen wie z.B. der wesentlich aufwändiger in Handschrift verfassten Geburtstagskarte anstelle einer SMS oder WhatsApp – Mitteilung, der Verfügbarkeit für ein persönliches Gespräch , der Zeit welche für eine ausführliche Verhandlung investiert wird oder darin das die selbst gepflanzten und geernteten Früchte aus dem Garten einfach am besten schmecken. Selbst das Bildungssystem in Afrika (Kenya) hat diese kulturelle Verankerung erkannt und berücksichtigt bzw. fördert diese indem das Lerntempo und die Menge der vermittelten Inhalte den kulturellen Bedürfnissen angepasst wurden. Dieselbe Menge an Bildungsinhalten welche in westlichen Bildungssystemen verarbeitet wird nimmt in Kenya 25% mehr Zeit in Anspruch (oder im Umkehrschluss – in derselben Unterrichtszeit werden 25% weniger Inhalte vermittelt).Und trotzdem beherrschen in Kenya bereits Schüler im Alter von 5 Jahren beide Landessprachen (Swahili und Englisch) einwandfrei und beginnen zu diesem Zeitpunkt sich mit Themen wie Mathematik und Naturwissenschaften auseinander zu setzen. Sich Zeit zu nehmen und die Dynamik etwas zu reduzieren muss also keinesfalls bedeuten weniger schnell oder weniger effizient zum Ziel zu gelangen. Wir westliche Kulturen machen uns das nur immer wieder Weise indem wir in Quantitäten handeln und denken. Nimmt man sich die Zeit um den entsprechenden Details die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken, fällt einem mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Abkürzung auf dem eingeschlagenen Weg auf…..und nun ist der vermeidlich langsamere plötzlich schneller am Ziel, im Idealfall sogar mit weniger Aufwand. Bis diese Überzeugung im europäischen Umfeld jedoch Bedeutung findet, werden sich noch viele über fehlende Zeit oder zu hohe Arbeitslast beschweren.